Essaouira, maybe tomorrow

Essaouira is easy-going. “Maybe tomorrow”, it’s what the traders, waiters and cameleers say when we stop them with a wave of our hand because we are currently not interested, “maybe tomorrow”, we reply and smile to part with good intentions. Cats wander through the streets. One has four kitties, they are all lying with closed eyes inside a carton. Each time we pass them, there is a new cup of milk or a slice of pizza next to their home.

Essaouira ist entspannt. “Morgen vielleicht”, sagen die Händler, Kellner und Kameltreiber, wenn man abwinkt, weil man gerade kein Interesse hat, “morgen vielleicht”, antworten wir und lächeln, um uns guter Dinge zu verabschieden. Katzen streunen durch die Straßen. Eine hat vier Katzenjungen, zusammen liegen sie in einem Karton. Jedesmal, wenn wir daran vorbeigehen, steht ein bisschen Milch, ein Pizzastückchen daneben.

I am thinking about an alphabet of smells, cinnamon, charcoal, exhaust fumes to leather, oil and sugar but fail to identify and distinguish them. I should ask on each corner: What’s this smell? And one question would lead to another one, what is it, how do you make it, how do you eat it, where does it come from…

Ich bin versucht, ein A bis Z der Gerüche aufzustellen, von Abgasen über Fisch, Holzkohle, Leder, Öl bis Zimt und Zucker, scheitere jedoch daran, sie zu definieren und unterscheiden. Ich hätte an jeder Ecke fragen sollen: Nach was riecht es hier? Und dann hätte eine Frage zur nächsten geführt, was ist das, wie stellt man es her, wie isst man es, woher kommt es…

Instead, I go looking for the range of colours with my camera while reading “Secret Son” by Laila Lalami on the roof top overlooking the Atlantic (salt), drinking tea (mint) and eating Couscous Seffa (cinnamon, sugar). Soon I am going to find another smell, another colour. Maybe tomorrow.

Stattdessen suche ich die Farbpalette mit meiner Kamera, während ich “Secret Son” von Laila Lalami auf der Dachterrasse lese mit Blick auf den Atlantik (Salz), trinke Tee (Minze) und esse Couscous Seffa (Zimt, Zucker). Bald suche ich noch mehr Gerüche, mehr Farben. Morgen vielleicht. 

The voices of Marrakech

Wie Marrakesch einfange, eine Stadt, die mehr Fantasie als Realität zu sein scheint, und doch so wahr, dass ich auch als Zweitbesucher noch in den Gassen verloren gehe, die Kamera oft bei den besten Bildern in der Tasche lasse, um den Moment nicht zu stören, um besser zu beobachten, um Wörter gegen Filmrollen zu tauschen. Um zu verpassen, denn es gibt so viel zu verpassen: wie ein Mann vor einem Teppich voller sorgfältig nebeneinander gereihten Knoblauchzehen seinen Lebensunterhalt verdient, ein anderer Mann in der Morgensonne die Zeitung mit kräftig schwarzen Schlagzeile in arabischen Buchstaben liest, ein anderer einen großen, sicherlich schweren Karren voller herumeiernder Kiwis durch die Menge schiebt, wie Zeiten aufeinandertreffen, als im Kreisverkehr unser Taxi neben einer Pferdekutsche und einem Rollerfahrer wartet, seine Helmbändel baumeln lose neben seinen Ohren herum, wie die marokkanischen Frauen beim Wochenendbesuch in die Großstadt die neusten Handtaschen mit ausgestrecktem Arm beäugen, wie uns am letzten Morgen zwei Frauen mit bunten Kopftüchern und Gewändern entgegenlaufen und eine von ihnen herzhaft gähnt. Es war noch vor 8 Uhr, und die Marktstände würden auch um 9 Uhr noch geschlossen sein. Um diese Uhrzeit konnten sogar Autos durch die Gassen der Medina fahren.

Almost possible to capture Marrakech, a city more fantasy than reality and so true and old. I still get lost in the streets as a second time visitor and leave the camera in my bag for the best pictures so that I don’t disturb the moment, so that I can observe better, exchanging words for film rolls. Or just to miss it because there is so much to be miss: how a man is earning a living with carefully arranged garlic cloves on the carpet in front of him, how another man is reading the paper with bold black headlines in arabic letters, and another one carries a heavy cart filled with wobbling kiwi fruits through the crowd. Times clash when we are waiting at a roundabout inside a taxi next to a horse-drawn carriage and a scooterist with loose helmet ribbons hanging from his ears. Moroccon women are looking at the latest hand bags on their weekend trips to the city, and two women in colourful veils walk towards us on the last morning and one of them yawns so loudly, so real. It was not 8 am yet and the market stalls would still be closed at 9 am. At this time, even cars could drive through the alleys of the Medina.

Ich ließ mir eine Geschichten erzählen, “Sohn ihres Vaters” von Tahar Ben Jelloun, die sich am besten liest, wenn im Hintergrund die Möwen und der Muezzin rufen, wenn der Minztee stetig aufgegossen wird, wenn der Holzkohlegeruch, auf dem die Tagines köcheln, bis hoch zur Dachterrasse weht. Erzählt in orientalischer, labyrinth-artiger, verschlungener Weise, entfaltet sich die Geschichte der achten Tochter von Hajji Ahmed Suleyman, die als Sohn aufwächst, um Erbe, Stolz und Ansehen des Vaters zu retten. Es wird zu ihrer Aufgabe, dieses Geheimnis zu leben, zu wahren, durchzustehen. Es folgen Machtspiele, Verwirrungen, Einsamkeit und viele Suchvorgänge nach ihrer weiblichen Identität und Sexualität. Die Erzähler wechseln sich ab, ich stelle sie mir auf dem Djemaa el Fna vor, wie sie alle die Geschichten erzählen und hören wollen. Wie jeder eine neue Idee, einen neuen Blickwinkel hat, wie es denn gewesen sein könnte, in dieser Stadt, die mehr Fantasie als Realität ist, und doch so wahr mit ihren Gerüchen, Anblicken, Geräuschen – einen Bruchteil davon bei jedem Besuch.

I read stories, “The Sand Child” by Tahar Ben Jelloun which is best to read with a background of crying seagulls and the call to prayer of the muezzin, when lots of mint tea is poured into glasses, when the smell of charcoal rises on which the Tagines are cooking is rising up high to the roof top. Told in an oriental, labyrinthine, entwined way unfolds the story of the eight daughter of Hajji Ahmed Suleyman who grows up as a son to save the heritage, pride and reputation of the father. It is her task to live this secret, to keep it and to endure it. There are power games, confusions, loneliness and many searches for her female identity and sexuality. The narrators are rotating and I imagine them sitting on the Jemaa el-Fnaa where they all want to listen and tell the story, how each of them wants to add a new idea, a new perspective how it could have happened in this city which is more fantasy than reality and still so true in its smells, sights and sounds – only a fraction on each visit.

Nachlese: “Die Stimmen von Marrakesch” von Elias Canetti. Wie wenig sich verändert hat in den letzten fünfzig Jahren, immer noch die Händler mit den Käufern um rätselhafte Preise fälschen, die Esel durch die Gassen drängen, es immer noch geflochtene Körbe, Ledertaschen, Schmuck und Mützen gibt, die Bettler ihre Hände für Münzen aufhalten, sich auf dem großen Platz Kreise von Zuhörern um die Erzähler bildet. Canetti beobachtet und beschreibt ganz nah, lässt einfließen, wenn er glaubt, etwas zu wissen, und lässt es ansonsten so stehen wie gesehen. Der Bericht eines Reisenden, der ein paar Fragen gelöst, aber noch mehr gestellt, und am allermeisten beobachtet und gesehen hat.

Afterread: “The Voices of Marrakech” by Elias Canetti. How little has changed in the last fifty years, the traders are still bargaining with buyers about mysterious prices, donkeys are shoving through the alleys, there are wattled baskets, leather bags, jewelery and hats, beggars are still waiting for coins and listeners are gathering in circles around narrators at the big market place. It is the report of a traveller who has answered a few questions but asked many more, who is a close and careful obsever of the many voices.

 

 

Heimreise im Zug

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Die Entspannung von Reisen findet im Zug statt. Heimreise von Prag. Die letzten Tage viel gelaufen, viel gesehen, viel gegessen. Fast froh um die Fahrt im Berliner EC. Vier Stunden Pause. Neben mir zwei weitere Besucher, sie haben die Fensterplätze. Hin und wieder ein Seufzer, ein Lächeln, während der Zug noch im Bahnhof steht. Lichtstreifen auf den grauen Bahnsteigen, auf den gemusterten Rückenlehnen. Es ist das perfekte Zwischendrin. Glücklich darüber, dass man die hübsche Stadt sehen durfte. Der Reisevorrat wird aufgetischt wie ein Festmahl, nicht weniger vorfreudig als die letzten Tage bei der Waffel, dem Gulasch, den Semmelknödeln. Sprudelnde Limo, stilles Wasser, eine Papiertüte mit zwei Sandwiches. Die Zeit steht still. Wir sind noch hier. Dann ruckelt es, langsam fährt der Zug aus Prag heraus. In den Vororten tippen wir schon auf den Handybildschirmen – es ist Zeit zu schreiben, wie schön es war.


Train rides allow relaxation from travels. Return journey from Prague. Have walked a lot, seen a lot, eaten a lot during the last days. Almost relieved now to sit in the Berliner EC. A four hours break. Two other visitors are sitting next to me, they got the window seats. Once in a while a sigh, a smile while the train is waiting in the station. Streaks of light on the grey platforms, on the patterned backrest. It is the perfect in-between. Happy to have experienced this pretty city. The food is dished up like a feast, there is just as much anticipation as during the last days before eating the waffles, the gulasch, the bread dumplings. Sparkling lemonade, still water, a paper bag with two sandwiches. Time stands still. We are here. Then the train slowly moves out of the city. When we reach the suburbs we are already looking at our phones – it is time to write how beautiful it was.

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Zeit, aus dem Fenster zu schauen. Die Elbe schlängelt neben uns her. Bloß nicht den Moment verpassen, einen Blick auf die Altstadt und die Frauenkirche zu erhaschen, wenn wir über die Brücke in Dresden fahren. Später noch ein Besuch im Bordbistro, das sah so schön aus auf Charlotte Schreibers Fotos.


It is time to look out of the window. The Elbe river winds along the tracks. Don’t miss the moment to see the old town and the Frauenkirche while crossing the bridge in Dresden. And later a visit at the bistro which looked so beautiful on Charlotte Schreiber‘s photos.