dear Sydney

fernspäher

surry hills

zwillingspalmen

dear Sydney,

I have been waiting for you. Even before I arrived at your door, you were caught in my name. Everywhere in Australia I had to repeat my name because they always only understood yours. Cindy sounds like Sydney. Especially in Australia. My -ndy and your -ney lead to the same -e. I like it. This connection.

I had almost forgotten your many faces. Only when I travelled on a sunday from Bondi Beach to Kings Cross to Newtown and further to Glebe and across the Harbour Bridge to the other side and back to Surry Hills and Paddington, I remembered everything. How many stories I have lived on your ground! Each neighbourhood so different, each story so different as well as every single person with whom I have experienced you. How diverse you are. I needed that sunday to try and knot you to one piece. It did not really work out. Each story needs its own stage, and you offered me many. I have realised that there is quite a lot of me in you.

Do you remember?

I would have loved to stay. To end this distance-city-relationship, to move to you, baking in your sun, sitting in your café chairs, leaning on your big trees, taking your ferries to other beaches, walking along your coasts and knowing that you would always stand behind me while I would be looking out onto the sea into the distance.

I need to leave but be sure: you will always be the favourite city I long for.

on flat white to go to the sea

seadream

bondi rescue


liebes Sydney.

ich habe auf dich gewartet. Schon bevor ich wieder bei dir ankam, hingst du in meinem Namen fest. Überall in Australien musste ich meinen Namen wiederholen, denn eigentlich verstanden sie immer nur deinen. Cindy sounds like Sydney. Vor allem im australischen. Da laufen mein -ndy und dein -ney auf das gleiche -i hinaus. Ich mag das. Das Verbündeltsein.

Ich hatte fast all deine Gesichter vergessen. Erst als ich an einem Sonntag von Bondi Beach nach Kings Cross nach Newtown und weiter nach Glebe und über die Harbour Bridge auf die andere Seite und zurück über Surry Hills und Paddington reiste, fiel mir alles wieder ein. Wie viele Geschichten ich schon alles auf deinem Boden erlebt hatte! Jedes Viertel so anders, jede Geschichte so anders, und jede Person, mit der ich dich erlebt hatte. Wie vielfältig du bist. Ich brauchte diesen Sonntag, um dich versuchshalber zu einer Einheit zusammenzuknüpfen. So ganz ist mir das nicht gelungen. Jede Geschichte braucht ihre eigene Bühne, und du hast mir viele geboten. Ich habe gemerkt, dass ganz schön viel von mir in dir steckt.

Weißt du noch?

Am liebsten würde ich bleiben. Diese Fernstadtbeziehung beenden, zu dir ziehen, mich in deiner Sonne baden, in deinen Café-Stühlen sitzen, an deinen großen Bäumen lehnen, in deinen Fähren zu anderen Stränden fahren, an deinen Küsten entlanglaufen, immer wissend, dass du mir den Rücken stützt während ich hinaus aufs Meer in die Ferne schaue.

Ich muss wieder gehen, aber sei gewiss: du wirst immer meine liebste Sehnsuchtsstadt sein.

zwei flaggen

sunday afternoon

a walk around bondi beach

sonnenkitzeln

netzwerk

icebergs

meeresfrüchte

ballon am zweig

nachmittagssonne

albi

trockengelegt

himmel über bondi

When you stay in Bondi Beach for three weeks it quickly feels like a little seaside town. You recognize same people in cafés, and when you walk away from Hall Street, it gets very quiet and neighbourly. In Bondi, I have found many favourites: a bookshop café, the beach and a lookout over the sea. In the mornings, you will meet surfers all age walking in their flip flops to the beach, and in the evening you can meet writers and other creatives in Getrude & Alice, and if they are not writing or reading, they will talk with you about it. Here, I found my little paradise.


 

Wenn du drei Wochen in Bondi Beach wohnst, fühlt es sich ziemlich schnell nach einem kleinen Dorf am Meer an. In den Cafés erkennst du Menschen wieder, und wenn du dich von der Hall Street entfernst, wird es sehr ruhig und nachbarschaftlich. In Bondi habe ich viele Lieblinge gefunden: ein Buchladencafé, den Strand und einen Meeresausblick. Am Morgen wirst du Surfer jeden Alters treffen, die in ihren Flipflops zum Strand laufen, und abends triffst du die Schreiber und andere Kreative in Getrude & Alice, und falls sie nicht schreiben und lesen, reden sie mit dir darüber. Hier habe ich mein kleines Paradies gefunden.

Warum ich reise

raum nach vorne

Ich reise. Andere bleiben. Ich reise weiter. Andere bauen Reihenhäuser. Ich packe meinen Rucksack und ziehe weiter. Woher kommt die Sehnsucht nach der Ferne? Wieso fühle ich mich auf Reisen am meisten zuhause?

Von den letzten acht Jahren war ich etwa drei Jahre nicht in Deutschland. Ich schulterte meinen Rucksack, und zog los auf der Suche nach allem. Was ist das Alles? Es startet mit einem Gefühl, das Fernweh oder itchy feet oder wanderlust heißt. Ich spürte es wohl am stärksten, wenn ich an meinem Schreibtisch im Büro saß, mir Bilder und Geschichten von fernen Ländern ansah und mit den Füßen wippte. Juckende Füße. Ich wollte überall sein, nur nicht hier. Ich möchte nichts verpassen, wenn ich zu lange an einem Ort bin.

Platz für Entwürfe

schreiben am fluss

“Was denkst du, was du auf Reisen findest, was du zuhause nicht finden kannst?”, fragte mich meine beste Freundin am Telefon. Sie war in Deutschland, ich in Australien. Dort hatte ich mich gerade erneut in Bondi Beach verliebt. Es ist eine Neugierde, die mich immer weiter treibt, vor allem die Neugierde nach Lebensentwürfen. Wie lebt man woanders? Ich genieße die Fülle an Antworten. Es ist eine Sammlung von Orten wie Cafés, an denen ich mich wohl fühle, von Meeresblicken, von neuen Freunden an anderen Orten, von Gesprächen in ungeahnte Richtungen, von Lieblingsorten in jedem Land, von Bücherstapeln, Musiklisten, Negativfilmstreifen, Schreibplätzen und Worten.

Reisen schafft Platz für diese unzähligen Entwürfe. All die Menschen, mit denen ich spreche, erzählen mir von ihren Leben in anderen Ländern, aus anderen Kulturen, und bieten mir Ideen – aus Australien, Kolumbien, Argentinien, von überall. An diesem einen Ort hätte ich sie nicht alle getroffen. Manche dieser Lebensentwürfe bewundere ich, manche kann ich nicht nachvollziehen, andere überraschen mich, wieder andere Elemente möchte ich in mein eigenes Leben einflechten. Sie geben mir unzählige Ideen. Was alles möglich ist! Was man beginnen kann! Und so starteten wir ein Literaturmagazin, denn Literaturmagazine sind weit verbreitet und inspirierend und hübsch in Australien. Solche hatte ich in Deutschland nie gesehen.

Ich träume viel, war schon immer eine Tagträumerin, die aus dem Fenster schaut und sich sehnt. Irgendwann begann ich, meine Träume zu verwirklichen. Ich habe nur ein Leben – doch das Reisen und Lesen und Schreiben geben mir die Möglichkeit, viele Leben zu leben. Ganz wie Anais Nin schreibt: “We travel, some of us forever, to seek other states, other lives, other souls.” Doch eigentlich reisen wir, um uns selbst in allen möglichen Formen kennenzulernen. Mit jeder Begegnung – sei es mit einer Person, einem Land, einem Event – stelle auch ich mich neu vor, bringe einen Teil von mir mit in diese Begegnung ein und passe mich an. Mit jeder neuen Herausforderung kann eine neue Seite und eine neue Reaktion von mir zum Vorschein kommen. Es bin immer ich – erweitert in diesem Kreis aus neuen Freunden und neuen Orten. Und immer offen für neue Möglichkeiten.

Neusehen, mehrsehen

bondiblase

Braucht es für diese Erweiterung weit entfernte Länder? Jede Zugfahrt, jeder Flug fühlt sich wie ein kleiner Neustart an. Hinter mir das Gewohnte und Geliebte, vor mir das Unbekannte. Ich habe genauso viel Angst vor jeder neuen Begegnung und jedem neuen Ort wie ich auch neugierig bin. Doch ich schubse mich hinein, und wenn der Zug einmal ins Rollen kommt und der Flieger einmal in der Luft ist, werde ich ruhig und weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Es ist eine Herausforderung, jedes mal. Und ich werde immer honoriert. Ich suche die Bewegung, und nicht den Stillstand. In fremden Ländern in fremden Sprachen mit fremden Menschen spürt man die Bewegung doppelt so stark. Die Herausforderung und das ungewohnte Umfeld helfen mir, mich wieder zu hören, mich zu sehen. Aus jeder Situation komme ich wieder heraus – mit mehr. Mit neuen Ideen, neuen Entwürfen, neuen Freunden. Mit viel Stimulation für die Fotografie und das Schreiben und das Leben.

Mit der Ferne sehe ich auch das Nahe wieder neu. Ich fordere den neuen Blick heraus. Denn der neue Blick ist der der Ankunft: da sehe ich, wie die Sonne nur eine Hälfte der Winteräste bescheint, wie die Einkaufswägen fast einsam im Abendlicht dastehen. Da sehe ich die Schönheit und das Neue in meiner Umgebung. Ich nehme es wahr, bemerkte mehr. So fotografiere ich, so schreibe ich. Es ist einfacher, als sich aus seiner Gewohnheit herauszukämpfen, als immer neu anzukommen. Mit diesem Rhythmus sehe ich auch meine bekannte Heimat in neuem Licht.

Reisen als Zeichenvorlage

outback ausblick

“Is it lack of imagination that makes us come / to imagined places, not just stay at home?”, fragt Elizabeth Bishop in ihrem Gedicht Questions of Travel. Ich muss es sehen und riechen, um darüber schreiben zu können. Ich konnte noch nie aus dem Kopf zeichnen, ich brauchte immer eine Vorlage, die ich abzeichnete. Ist Reisen abzeichnen? Selbst wenn – dann sind es meine eigenen Pinselstriche, die ich hinterlasse und mit denen ich meine Umgebung für mich neu interpretiere. Ich möchte leben, ich möchte sehen, ich möchte entdecken!

Es ist auch das Freiheitsgefühl, das mich auf Reisen lockt. Als ich am vierten Tag meines Solo-Roadtrips ins australische Outback die 300 Kilometer zwischen Broken Hill und Mildura zurückfuhr, wo nichts war außer endloser Weite, eine gerade Straßenlinie und ein Roadhaus dazwischen, fühlte ich mich unendlich frei. Ich drehte die Musik laut auf, ich drehte sie wieder leise und ließ mich vom Wind durchwirbeln, ich ließ alle Gedanken davonschwirren und war stolz, dass ich die Strecke allein und selbst-verantwortlich gemeistert hatte. Ich war absolut glücklich. Ich hatte wunderbare Orte gesehen und faszinierende Menschen getroffen, und ich wusste, ich würde noch viel mehr wunderbare Orte sehen und faszinierende Menschen treffen. Und vor allem: ich konnte alleine mit mir sein, und ich konnte mit anderen zusammen sein. Alles war möglich, wenn ich nur davon träumte.

Laufe ich vor etwas davon? Flucht ist das übliche, was man einem Vielreisenden andichtet. Wenn ich davonrenne, dann nur vor dem einen Leben, vor dem Stillstand, vor der einen Möglichkeit. Ich suche mehr. Vor was verstecken sich die Menschen, die sich nicht aus ihrer gewohnten Umgebung trauen und sich nie dem Fremden und der Ferne offenbaren? Hat das schon jemand gefragt? Ich flüchte mich in kein Versteck. Ich erfülle mir meine Träume.

Unterwegs zuhause

kaffeesatz

Der Gedanke, mich irgendwo für eine lange Zeit niederzulassen, ängstigt mich hingegen so sehr wie es andere Leute ängstigt, in ein Flugzeug zu steigen und in einem vollkommen fremden Land wieder auszusteigen. Reisen ist – trotz des immer verändernden Ortes – meine Form von Zuhause geworden. Ich fühle mich wohl und erfüllt und ruhig. Reisen ist mein Alltag geworden. Ich brauche keine täglichen Abenteuer, ich schaffe mir meine Heimaträume vor Ort. Ich weiß, in welchem Fach in meinem Rucksack der Teller, die Ladekabel, die Bücher und die Unterwäsche sind. In der zweiten Nacht kann ich im Dunkeln durch das Hostelzimmer zu meinem Bett laufen, ohne über fremde Stühle zu stolpern. Ich passe mich schnell meiner Umgebung an, schlafe ein in jedem Doppelstockbetten, und wenn nicht, dann habe ich mein Handy und meine Kopfhörer neben mir liegen und höre Musik. Ich weiß, wann ich Alleinzeit brauche, um mich zu hören, und wann ich mit anderen Leute zusammensitzen möchte, um neue Geschichten zu hören. Ich weiß, dass mir das Meeresgucken und das Tagebuchschreiben in Cafés gut tun, wenn ich durcheinander bin.

Ich weiß sehr gut, wie ich auf Reisen funktioniere. Es beruhigt mich so wie es andere Menschen beruhigt, zu wissen, wie sie in ihrer gewohnten Umgebung funktionieren, wo sie ihren Sonntagsbäcker und die Straßenbahn in die Stadt kennen. Ich genieße die Balance aus freien und festen Elementen auf Reisen. Einerseits die Bewegung in Ortswechseln, die immer neuen Frühstückstische und Straßenbahnpläne. Anderseits die gewohnte Anordnung. Mein Rucksack ist mein Kleiderschrank und mein Bücherregal, jedes Land hat eine Wochenendausgabe ihrer Tageszeitung, und heißes Wasser für meinen Pfefferminztee finde ich überall, die Tasse habe ich dabei. Reisen ist mein Zuhause geworden.

ueber dem wasser laufen

PS: Wenige Tage später antwortete mir Jen, warum sie manchmal reiste aber öfters blieb. Lest ihren Essay auf ihrem Blog Working Title 6: Why do you travel? Vom Reisen und bleiben.

 

a town called thirroul

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There is a small seaside town one and a half train-hours south of sydney. It can be busy on a sunday: lots of BBQs on the grass near the sea, people hiding in the shades of the cafés, me wandering around and finding typewriters and weatherboard houses, a new reading spot by the sea and more motifs for my up-coming photo exhibition. It was a beautiful day, leaving the city behind and go exploring. Let’s do more sunday trips!

1: There are not just typewriters in Retro Wombat Antiques and Restorations. There are also old bicycle wheels, sun umbrellas with Australia written on it and old clown faces. A treasure trove.

2 + 4: I walked from Thirroul along the beach to Austinmer (where the sky fell into the sea) and took the train back from there.

3. Thirroul beach.


Es gibt ein kleines Dorf am Meer eineinhalb Zugstunden von Sydney entfernt. Dort ist sogar viel los an einem Sonntag: viele Leute grillen auf der Wiese am Meer, andere flüchten in den Schatten der Cafés, und ich lief herum und fand Schreibmaschinen und weatherboard Häuser, einen neuen Leseort am Meer und mehr Motive für meine baldige Ausstellung. Es war ein schöner Tag um außerhalb der Stadt auf Erkundungstour zu gehen. Lasst uns mehr Sonntagsausflüge machen!

1: Es gibt nicht nur Schreibmaschinen im Retro Wombat Antiques and Restorations, sondern auch alte Fahrradreifen, Australien-Sonnenschirme und große Clowngesichter. Eine Fundgrube.

2 + 4: Ich lief von Thirroul am Strand entlang nach Austinmer (wo der Himmel in das Meer fiel) und nahm den Zug zurück von dort.

3. Der Strand von Thirroul.

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