Warum ich reise

raum nach vorne

Ich reise. Andere bleiben. Ich reise weiter. Andere bauen Reihenhäuser. Ich packe meinen Rucksack und ziehe weiter. Woher kommt die Sehnsucht nach der Ferne? Wieso fühle ich mich auf Reisen am meisten zuhause?

Von den letzten acht Jahren war ich etwa drei Jahre nicht in Deutschland. Ich schulterte meinen Rucksack, und zog los auf der Suche nach allem. Was ist das Alles? Es startet mit einem Gefühl, das Fernweh oder itchy feet oder wanderlust heißt. Ich spürte es wohl am stärksten, wenn ich an meinem Schreibtisch im Büro saß, mir Bilder und Geschichten von fernen Ländern ansah und mit den Füßen wippte. Juckende Füße. Ich wollte überall sein, nur nicht hier. Ich möchte nichts verpassen, wenn ich zu lange an einem Ort bin.

Platz für Entwürfe

schreiben am fluss

“Was denkst du, was du auf Reisen findest, was du zuhause nicht finden kannst?”, fragte mich meine beste Freundin am Telefon. Sie war in Deutschland, ich in Australien. Dort hatte ich mich gerade erneut in Bondi Beach verliebt. Es ist eine Neugierde, die mich immer weiter treibt, vor allem die Neugierde nach Lebensentwürfen. Wie lebt man woanders? Ich genieße die Fülle an Antworten. Es ist eine Sammlung von Orten wie Cafés, an denen ich mich wohl fühle, von Meeresblicken, von neuen Freunden an anderen Orten, von Gesprächen in ungeahnte Richtungen, von Lieblingsorten in jedem Land, von Bücherstapeln, Musiklisten, Negativfilmstreifen, Schreibplätzen und Worten.

Reisen schafft Platz für diese unzähligen Entwürfe. All die Menschen, mit denen ich spreche, erzählen mir von ihren Leben in anderen Ländern, aus anderen Kulturen, und bieten mir Ideen – aus Australien, Kolumbien, Argentinien, von überall. An diesem einen Ort hätte ich sie nicht alle getroffen. Manche dieser Lebensentwürfe bewundere ich, manche kann ich nicht nachvollziehen, andere überraschen mich, wieder andere Elemente möchte ich in mein eigenes Leben einflechten. Sie geben mir unzählige Ideen. Was alles möglich ist! Was man beginnen kann! Und so starteten wir ein Literaturmagazin, denn Literaturmagazine sind weit verbreitet und inspirierend und hübsch in Australien. Solche hatte ich in Deutschland nie gesehen.

Ich träume viel, war schon immer eine Tagträumerin, die aus dem Fenster schaut und sich sehnt. Irgendwann begann ich, meine Träume zu verwirklichen. Ich habe nur ein Leben – doch das Reisen und Lesen und Schreiben geben mir die Möglichkeit, viele Leben zu leben. Ganz wie Anais Nin schreibt: “We travel, some of us forever, to seek other states, other lives, other souls.” Doch eigentlich reisen wir, um uns selbst in allen möglichen Formen kennenzulernen. Mit jeder Begegnung – sei es mit einer Person, einem Land, einem Event – stelle auch ich mich neu vor, bringe einen Teil von mir mit in diese Begegnung ein und passe mich an. Mit jeder neuen Herausforderung kann eine neue Seite und eine neue Reaktion von mir zum Vorschein kommen. Es bin immer ich – erweitert in diesem Kreis aus neuen Freunden und neuen Orten. Und immer offen für neue Möglichkeiten.

Neusehen, mehrsehen

bondiblase

Braucht es für diese Erweiterung weit entfernte Länder? Jede Zugfahrt, jeder Flug fühlt sich wie ein kleiner Neustart an. Hinter mir das Gewohnte und Geliebte, vor mir das Unbekannte. Ich habe genauso viel Angst vor jeder neuen Begegnung und jedem neuen Ort wie ich auch neugierig bin. Doch ich schubse mich hinein, und wenn der Zug einmal ins Rollen kommt und der Flieger einmal in der Luft ist, werde ich ruhig und weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Es ist eine Herausforderung, jedes mal. Und ich werde immer honoriert. Ich suche die Bewegung, und nicht den Stillstand. In fremden Ländern in fremden Sprachen mit fremden Menschen spürt man die Bewegung doppelt so stark. Die Herausforderung und das ungewohnte Umfeld helfen mir, mich wieder zu hören, mich zu sehen. Aus jeder Situation komme ich wieder heraus – mit mehr. Mit neuen Ideen, neuen Entwürfen, neuen Freunden. Mit viel Stimulation für die Fotografie und das Schreiben und das Leben.

Mit der Ferne sehe ich auch das Nahe wieder neu. Ich fordere den neuen Blick heraus. Denn der neue Blick ist der der Ankunft: da sehe ich, wie die Sonne nur eine Hälfte der Winteräste bescheint, wie die Einkaufswägen fast einsam im Abendlicht dastehen. Da sehe ich die Schönheit und das Neue in meiner Umgebung. Ich nehme es wahr, bemerkte mehr. So fotografiere ich, so schreibe ich. Es ist einfacher, als sich aus seiner Gewohnheit herauszukämpfen, als immer neu anzukommen. Mit diesem Rhythmus sehe ich auch meine bekannte Heimat in neuem Licht.

Reisen als Zeichenvorlage

outback ausblick

“Is it lack of imagination that makes us come / to imagined places, not just stay at home?”, fragt Elizabeth Bishop in ihrem Gedicht Questions of Travel. Ich muss es sehen und riechen, um darüber schreiben zu können. Ich konnte noch nie aus dem Kopf zeichnen, ich brauchte immer eine Vorlage, die ich abzeichnete. Ist Reisen abzeichnen? Selbst wenn – dann sind es meine eigenen Pinselstriche, die ich hinterlasse und mit denen ich meine Umgebung für mich neu interpretiere. Ich möchte leben, ich möchte sehen, ich möchte entdecken!

Es ist auch das Freiheitsgefühl, das mich auf Reisen lockt. Als ich am vierten Tag meines Solo-Roadtrips ins australische Outback die 300 Kilometer zwischen Broken Hill und Mildura zurückfuhr, wo nichts war außer endloser Weite, eine gerade Straßenlinie und ein Roadhaus dazwischen, fühlte ich mich unendlich frei. Ich drehte die Musik laut auf, ich drehte sie wieder leise und ließ mich vom Wind durchwirbeln, ich ließ alle Gedanken davonschwirren und war stolz, dass ich die Strecke allein und selbst-verantwortlich gemeistert hatte. Ich war absolut glücklich. Ich hatte wunderbare Orte gesehen und faszinierende Menschen getroffen, und ich wusste, ich würde noch viel mehr wunderbare Orte sehen und faszinierende Menschen treffen. Und vor allem: ich konnte alleine mit mir sein, und ich konnte mit anderen zusammen sein. Alles war möglich, wenn ich nur davon träumte.

Laufe ich vor etwas davon? Flucht ist das übliche, was man einem Vielreisenden andichtet. Wenn ich davonrenne, dann nur vor dem einen Leben, vor dem Stillstand, vor der einen Möglichkeit. Ich suche mehr. Vor was verstecken sich die Menschen, die sich nicht aus ihrer gewohnten Umgebung trauen und sich nie dem Fremden und der Ferne offenbaren? Hat das schon jemand gefragt? Ich flüchte mich in kein Versteck. Ich erfülle mir meine Träume.

Unterwegs zuhause

kaffeesatz

Der Gedanke, mich irgendwo für eine lange Zeit niederzulassen, ängstigt mich hingegen so sehr wie es andere Leute ängstigt, in ein Flugzeug zu steigen und in einem vollkommen fremden Land wieder auszusteigen. Reisen ist – trotz des immer verändernden Ortes – meine Form von Zuhause geworden. Ich fühle mich wohl und erfüllt und ruhig. Reisen ist mein Alltag geworden. Ich brauche keine täglichen Abenteuer, ich schaffe mir meine Heimaträume vor Ort. Ich weiß, in welchem Fach in meinem Rucksack der Teller, die Ladekabel, die Bücher und die Unterwäsche sind. In der zweiten Nacht kann ich im Dunkeln durch das Hostelzimmer zu meinem Bett laufen, ohne über fremde Stühle zu stolpern. Ich passe mich schnell meiner Umgebung an, schlafe ein in jedem Doppelstockbetten, und wenn nicht, dann habe ich mein Handy und meine Kopfhörer neben mir liegen und höre Musik. Ich weiß, wann ich Alleinzeit brauche, um mich zu hören, und wann ich mit anderen Leute zusammensitzen möchte, um neue Geschichten zu hören. Ich weiß, dass mir das Meeresgucken und das Tagebuchschreiben in Cafés gut tun, wenn ich durcheinander bin.

Ich weiß sehr gut, wie ich auf Reisen funktioniere. Es beruhigt mich so wie es andere Menschen beruhigt, zu wissen, wie sie in ihrer gewohnten Umgebung funktionieren, wo sie ihren Sonntagsbäcker und die Straßenbahn in die Stadt kennen. Ich genieße die Balance aus freien und festen Elementen auf Reisen. Einerseits die Bewegung in Ortswechseln, die immer neuen Frühstückstische und Straßenbahnpläne. Anderseits die gewohnte Anordnung. Mein Rucksack ist mein Kleiderschrank und mein Bücherregal, jedes Land hat eine Wochenendausgabe ihrer Tageszeitung, und heißes Wasser für meinen Pfefferminztee finde ich überall, die Tasse habe ich dabei. Reisen ist mein Zuhause geworden.

ueber dem wasser laufen

PS: Wenige Tage später antwortete mir Jen, warum sie manchmal reiste aber öfters blieb. Lest ihren Essay auf ihrem Blog Working Title 6: Why do you travel? Vom Reisen und bleiben.

 

a town called thirroul

cindyruch_20150305-28-2

cindyruch_20150305-24

cindyruch_20150305-29

There is a small seaside town one and a half train-hours south of sydney. It can be busy on a sunday: lots of BBQs on the grass near the sea, people hiding in the shades of the cafés, me wandering around and finding typewriters and weatherboard houses, a new reading spot by the sea and more motifs for my up-coming photo exhibition. It was a beautiful day, leaving the city behind and go exploring. Let’s do more sunday trips!

1: There are not just typewriters in Retro Wombat Antiques and Restorations. There are also old bicycle wheels, sun umbrellas with Australia written on it and old clown faces. A treasure trove.

2 + 4: I walked from Thirroul along the beach to Austinmer (where the sky fell into the sea) and took the train back from there.

3. Thirroul beach.


Es gibt ein kleines Dorf am Meer eineinhalb Zugstunden von Sydney entfernt. Dort ist sogar viel los an einem Sonntag: viele Leute grillen auf der Wiese am Meer, andere flüchten in den Schatten der Cafés, und ich lief herum und fand Schreibmaschinen und weatherboard Häuser, einen neuen Leseort am Meer und mehr Motive für meine baldige Ausstellung. Es war ein schöner Tag um außerhalb der Stadt auf Erkundungstour zu gehen. Lasst uns mehr Sonntagsausflüge machen!

1: Es gibt nicht nur Schreibmaschinen im Retro Wombat Antiques and Restorations, sondern auch alte Fahrradreifen, Australien-Sonnenschirme und große Clowngesichter. Eine Fundgrube.

2 + 4: Ich lief von Thirroul am Strand entlang nach Austinmer (wo der Himmel in das Meer fiel) und nahm den Zug zurück von dort.

3. Der Strand von Thirroul.

cindyruch_20150322-5

why do you travel?

cindyruch_20150305

cindyruch_20150305-2.jpg

We all had last days in Bondi. Lara – who I had met in Melbourne – spent her last day in Australia here, trying to catch some sun before going back home to the winter in the Netherlands. We walked to Tamarama Beach, the waves were beautiful and strong and pushed us back to the beach. No way we could imagine winter coats, gloves and temperatures below twenty degrees. Likewise difficult it is to imagine the end of a big trip.

Why do you travel, my best friend asked me when I was standing in one of the red phone boots at Bondi Post Office. Maybe she was also asking: What are you running away from? When I hung up I wrote down an answer on three pages. Then I started asking other people. “Travelling is also therapy. It can give you time to think and to find yourself,” wrote Lara to me when she arrived back home, her backpack still unpacked on the couch.

My backpack is still packed. Again. But I have changed summer clothes with winter clothes a month ago, and have gone travelling up north to visit familie and friends in Dresden, Leipzig, Copenhagen and Berlin. It feels like I have arrived somewhere new now, a new city where I can find much of the whole world. The spring air is already softer. And still, I miss Bondi and its light and its waves and its cafés. I put the pictures up on my new wall. Lara is still in the Netherlands, but soon we will meet again. On this side of the world.

Why do you travel?

cindyruch_20150305-12


Wir hatten alle schon letzte Tage in Bondi. Lara verbrachte ihren letzten Tag in Australien hier, versuche noch ein bisschen Sonne abzubekommen, bevor es zurück in den Winter nach Holland ging. Wir liefen zum Tamarama Beach, die Wellen waren wunderschön und mächtig, sie warfen uns zurück an den Strand. Keinenfalls konnten wir uns Winterjacken, Handschuhe, geschweige denn Temperaturen unter zwanzig Grad vorstellen. Genauso unvorstellbar ist immer das Ende einer großen Reise.

“Warum reist du?”, fragte mich meine beste Freundin, als ich in einer der roten Telefonzellen am Bondi Postamt stand. Vielleicht fragte sie auch: Wovor rennst du davon? Als wir auflegten, beantwortete ich ihre Frage auf drei Seiten. Dann begann ich andere Leute zu fragen. “Reisen ist auch Therapie. Es kann dir Zeit geben, nachzudenken, dich selbst zu finden.”, schrieb mir Lara als sie nach Hause kam. Ihr Rucksack lag noch gepackt auf der Couch.

Mein Rucksack ist auch noch gepackt. Oder wieder. Vor einem Monat habe ich Sommer- gegen Winterkleidung eingetauscht, und bin wieder losgezogen in den Norden um Familie und Freunde in Dresden, Leipzig, Kopenhagen und Berlin zu treffen. Es fühlt sich an, als wäre ich nun wieder irgendwo angekommen, in einer neuen Stadt, wo ich die vieles von der ganzen Welt finden kann. Die Frühlingsluft ist schon sanfter. Und doch vermisse ich noch Bondi and sein Licht und seine Wellen und Cafés. Und das ist auch gut. Ich habe die Fotos an meine neue Wand gehängt. Lara ist noch in Holland, bald werden wir uns aber wieder sehen. Auf dieser Seite der Welt.

Warum reist du?

 

a garden in a mirror

creation

Mary Magdalene by George Baldessin

I took the train from Melbourne to Heidelberg four days before christmas. The city was busy as usual, all the seats and tables on Chapel Street occupied with breakfast meet ups. Avocado Feta smash on toast, baked beans and poached eggs, scrumbled eggs with pesto and mushrooms. It was time to leave the hustle for a day and to find some time and space to breath and think.

I chose the Heide museum. In 1934, Sunday Reed moved here with her husband John. They created a home for national and international artists, writers and intellectuals – like Sidney Nolan, Albert Tucker and Joy Hester. In the inspirational space and calmness of the garden and the house, they created paintings, drawings, poems. It was a home for friends. An artist haven. A getaway from the city. Something like a little utopia. Since 1981, it has been a museum with three gallery houses.

behind Heide II

Heide I

bee-hive

When I got out of the train in Heidelberg I smelled the pine trees and sunscreen. Travelling is wonderful; but christmas is always a time I’d rather be home. I needed some time on my own to tell myself it was all okay and I could still find another inspirational place to feel home for a few hours. I walked around the gallery houses Heide I, Heide II and Heide III, through the kitchen garden, along the field. There were single benches everywhere, on the open field, underneath trees, in the sun, in the shade. Places to create. I chose one underneath a tree, I saw a corner of Heide II, statues next to trees, the sun was shining, and I wrote into my journal and it was all better.

heide bücherkreise

heide heart

Only a few weeks later, in Sydney, I found “Dear Sun”, a book of letters between Sunday Reed and her best friend – artist and poet – Joy Hester. It gave me another insight into Heide, and while reading the letters on a bus going around Sydney, it brought me back and forth from where I had been to where I was –

I have thought of Heide for the last three nights – the last thing that flitted through my head has been Heide and then I feel to sleep. I see Heide as a flat pattern like a sampler, with all the fields, the house, the road and river standing perpendicular and flat, not hilly as it is, but greener in a dry way, as though one has one’s back to it and was looking at the reflection in a small hand mirror. (…) It all fits in like an unruffled jigsaw puzzle, still, green, and very beautiful. (Joy Hester in Dear Sun. p. 121)

I read about Joy’s experiences in Sydney in places I had been as well, and even little descriptions felt like a confirmation I was at the right place in the right time with the right book.

The evenings across the harbour look like Heide in the mist. (Joy Hester in Dear Sun. p.94)

And I am still reading the letters, slowly reaching the end of the book, and I am still thinking of Heide as an inspirational and calm place I can take with me in my memory like a small hand mirror.

the kitchen garden