Double negative

stadtlese

Schon öfters stand ich vor einer Haustür und fragte mich, welche Geschichten dahinter steckten. Wer lebte hier? Wie war ihre Einrichtung, ihre Morgenrituale, ihr Abendessen, ihre Gespräche? Wie bewahrten sie ihre Erinnerungen auf, in Fotoalben in der untersten Schublade, in aufgestellten Rahmen in einer Schrankwand, oder in Erzählungen auf der Couch?

Wer stand nicht auch schon einmal vor solchen Türen und fragte sich, ohne auf Antworten zu warten?

In Ivan Vladislavić Roman „Double Negative“ werden diese Türen geöffnet. Neville Lister, ein Studienabbrecher und kurzzeitiger Straßenmaler, steht mit dem Fotografen Saul Auerbach und dem Journalisten Brookes auf einem Hügel in Johannesburg. Der Eingebung des Augenblicks folgend, beschließen sie, drei Häuser auszuwählen, um danach ins Tal zu fahren, an deren Türen zu klopfen und ihre Geschichten herauszufinden.

Sie schauen auf das Johannesburg zur Zeit der Apartheid Anfang der 1980er, das vor ihnen liegt „wie ein aufgeschlagenes Buch, mit dem Reef als Rücken. (…) Auerbach zeigte auf Townships und Wohnviertel, Herbergen und Fabriken, Abraumhalden und Ausschlämmdämme.“ (S. 56).

Der Fotograf will ihnen zeigen, dass man überall Geschichten findet. Wenn man nur aufmerksam ist und Türen öffnet. Man muss hinsehen.

Im Tal werden die Türen geöffnet. Weil Auerbach sie um den Finger wickelt, und weil sie weiß sind. Weil die Türöffner Erinnerungen von sich machen lassen möchten und weil sie schwarz oder farbig sind. Wie im zweiten Haus bei Mrs. Dittons. „In Mrs. Dittons Gesicht kann man die Erleicherung sehen, da sie aus der Fülle des Lebens zu einer kleineren, verminderten Unsterblichkeit zusammenfällt.“ (82)

Sie reden über Fotografie, und das macht dieses Buch so großartig. All die Sätze und Gedanken dazu. Auerbach fotografiert aus einer Intuition heraus, die mir bekannt ist:

“Das Motiv zieht mich an, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, etwas trifft einen Nerv, rührt etwas in mir an. Manchmal ist es, als fände ich etwas, das ich schon gesehen oder mir eingebildet habe oder an das ich mich erinnere, was keinen so großen Unterschied machen muss. Vielleicht erkenne ich in der Welt etwas als „Bild“, wenn es erfasst, was ich bereits gedacht oder gefühlt habe.“ (S. 53)

Es geht auch um das Erwachsenwerden. Das Hinsehen:

„Woher weißt du, was du brauchst, wenn du jung bist und alles einlösbar erscheint? Wie kannst du entscheiden, was du behalten und wovon du dich trennen willst, wenn dir alle Zeit der Welt zur Verfügung steht?“ (S. 104)

double negative

Jahre später kehrt Neville von London zurück nach Johannesburg. Seine Geburtsstadt hat sich verändert. Doch er hat nicht vergessen, dass damals eine Tür nicht geöffnet wurde, da es zu schnell Abend wurde. Der erste Teil der Buches wiederholt sich und ist doch anders. Diesmal ist Neville der Künstler, der eine junge Journalistin mitnimmt. Im Gegensatz zu Nevilles jugendlichen Ich, das gar nicht wusste, was es will, weiß sie zu vieles, was sie sein möchte. Damals schwieg er und beobachtete, sie plappert in einem Rausch. Er schaute sich nur schüchtern um, sie geht schnurstracks durch die Mauer hindurch, um die Geschichten dahinter zu sehen.

Die Zeiten haben sich verändert. Die Frau im Township möchte nicht von ihr gefilmt werden. Damals war es noch etwas besonders, verewigt zu werden. Damals war auch noch die Fotografie besonders und nicht nur eine Überfüllung von Fernseh- udn Internetbildern. Nevilles großes Vorbild ist und bleibt Saul Auerbach – der sich nie als Künstler sondern immer als lernender Fotograf bezeichnete – doch leider findet er seine eigene Motivation nicht:

„Um seine Stetigkeit beneidete ich ihn am meisten. Unbeirrt hatte er weitergemacht, eine Fotografie nach der anderen, ließ eine Beschreibung seiner selbst und seines Platzes in der Welt zurück, in der eins aufs andere folgte, Abzug auf Abzug. Meine eigene Geschichte enthielt nur Löcher.“ (S.234)

joburg

Der südafrikanische Autor Ivan Vladislavić schrieb bereits einige Texte für Bücher des südafrikanischen Fotografens David Goldblatt, und so liegt die Vermutung nahe, dass er die Figur Auerbachs auf ihm basierte. Im Englischen erschien sogar eine Sonderausgabe, ein Bildband von Goldblatt mit dem Roman.

Letzte Woche ist David Goldblatt gestorben. Er fotografierte Südafrika zur Zeit der Apartheid, doch nicht die großen Ereignisse, sondern das Alltägliche:

„Ich bin nicht wirklich daran interessiert, und war es auch damals nicht, den Moment zu fotografieren, in dem etwas passiert. Ich bin an den Bedingungen interessiert, die zu Ereignissen führen.“ (David Goldblatt, gefunden im Tagesspiegel)

Ivan Vladislavić: Double Negative
mit einem Vorwort von Teju Cole
A-1 Verlag, München. 2016.

 

Der Roman wurde mir freundlicherweise als Rezensionsexemplar vom A1-Verlag zur Verfügung gestellt, vielen Dank dafür.

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Johannesburg (was never meant to exist)

blue night

Last weekend, I took down the pictures of my exhibition “Imagined Places” (like the one above) from the walls of the A.Horn café. The framed photos are now in a corner of the living room, reminding me of our wonderful trip to South Africa a year ago. And they reminded me that I had not even shown all the places yet.

For example, Johannesburg.

Letztes Wochenende habe ich die Bilder meiner Ausstellung “Imagined Places” (wie das oben) im A.Horn Café abgehängt. Die gerahmten Fotos sind nun in einer Wohnzimmerecke und erinnern mich an unseren großartigen Trip nach Südafrika vor einem Jahr. Und sie erinnern mich daran, dass ich noch gar nicht alle Fotos gezeigt habe.

Beispielsweise Johannesburg.

from the roof top

einsames fernrohr

skylineself

When we arrived in the neighbourhood Maboneng, they gave us a map where the 24 hours security zone was marked with a yellow permanent marker. Maboneng is the safe bubble of Johannesburg. From the roof top, we saw the skyline, sun sets, the rich and poor side of the city. From here, Johannesburg reinvents itself with stylish cafés, food markets, graffiti, colourful fashion, high hipster prices and security guards. Without the latter, it could almost be Brooklyn or Berlin. On the other side, there are street barbecues, rubbish, people lying on the footpath. “Our cage”, we call the yellow marked area on the map after a while. Our golden bird cage.

Als wir im Viertel Maboneng ankamen, reichte man uns eine Karte, auf der mit gelbem Textmarker die 24-Stunden überwachte Zone eingezeichnet war. Maboneng ist die sichere Luftblase in Johannesburg. Von der Dachterrasse sahen wir  Skyline, Sonnenuntergänge, die reiche und arme Seite der Stadt. Ab hier erfindet sich Johannesburg neu mit stylischen Cafés, Food Markets, Graffiti, bunte Mode, hohen Hipsterpreisen und Sicherheitswachmännern. Ohne letztere könnte es fast Brooklyn sein, oder Berlin. Auf der anderen Seite sind Straßengrills, Müll, auf dem Boden liegende Menschen. “Unser Käfig”, nennen wir die gelb markierte Gegend auf der Karte nach einer Weile. Unser goldener Vogelkäfig.

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from the roof top

“Johannesburg was never meant to exist; gold was to be mined with the land left behind.”

…was the starting sentence of the fascinating exhibition “Unfinished City” shown last year at the Museum of African Design. Johannesburg was a gold mining city that did not turn into a ghost town like many other mining towns but remained and grew. Despite the fact, that the city was nowhere near an ocean or a big river and therefore without water. The trees were artificially planted. People stayed to work and still do so. The exhibition showed letters of people having a hard time with Johannesburg:

…war der Anfangssatz der faszinierenden Ausstellung “Unfinished City” letztes Jahr im Museum of African Design. Johannesburg war eine Goldgräber-Siedlung, die nicht ausstarb wie andere, sondern blieb und wuchs. Ohne Anschluss an ein Meer oder einen großen Fluss. Ohne Wasser. Die Bäume wurden künstlich angepflanzt. Die Menschen blieben, um zu arbeiten. Immer noch. Die Ausstellung zeigte Briefe von Menschen, die hier wohnten:

“I used to imagine a fantasy love. Glamourous events. Theatre performances. Standing ovations. Maxi cabs. Three course suppers and poetry. Something I really wanted to share with you, but I realize now, you will never really appreciate that kind of emotion.” (Dear Johannesburg, Movement Johannesburg (The City, 2015). Ed. by Zahira Asmal and Guy Trangos)

“People should not only work in a city but live here”, sayed the guide of the Inner City Walking Tour who showed us around Maboneng. Most of the houses used to be occupied by Africans from the North. Since 2008, this area – the safe bubble, our cage – is bought house by house by private investors. So now there is an art house cinema, a roof top bar, a primary school, a sneaker cleaning shop. It is changing fast. Gentrification at full speed. One cannot help but think of the relocations happening during Apartheid.

“Menschen sollten in der Stadt nicht nur arbeiten, sondern auch leben”, sagte der Guide der Inner City Walking Tour, während er uns Maboneng zeigte. Die meisten Häuser waren einst besetzt von Afrikanern aus dem Norden. Seit 2008 wird die Gegend – die sichere Blase, unser Käfig – Haus für Haus von privaten Investoren aufgekauft. Nun gibt es also ein Kino, eine Dachterrassenbar, eine Grundschule, einen Sneakers-Reinigungsladen. Es verändert sich schnell. Gentrifizierung in Höchstgeschwindigkeit. Unweigerlich muss man an die Umsiedlungen während der Apartheid denken.

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coca cola

I keep on reading. “Double Negative” by Ivan Vladislavic, and currently “At the still point” by Mary Benson. To understand this changing city and this changing country a bit better one page at a time.

Ich lese weiter. “Double Negative” von Ivan Vladislavic, und nun “Silvester in Johannesburg” von Mary Benson. Um diese sich verändernde Stadt und das sich verändernde Land ein bisschen besser zu verstehen, Seite für Seite.

stadtbücher

Across the Indian Ocean

wasserspiegel

orange breakfast

In March, the Indian Ocean was our constant travel companion for ten days. When we woke up, we had our first cup of coffee looking out onto the sea, and before we went to bed, we looked into the liquid darkness and imagined another world. We never grew tired looking at the ocean, its changing colours and its reflections between Sri Lanka and Singapore.

Der Indische Ozean war unser ständiger, zehntägiger Reisebegleiter im März. Wenn wir aufwachten, tranken wir unsere erste Tasse Kaffee mit Meerblick, und bevor wir ins Bett gingen, schauten wir in die flüssige Dunkelheit hinaus und stellten uns eine ganz andere Welt vor. Wir wurden des Meerblickes nicht müde, der immer wieder anderen Farben und Reflektionen zwischen Sri Lanka und Singapur.

cindyruch_pukhet

cindyruch_containerschiff

meeruhr

I was invited to this cruise by Hapag Lloyd Cruises with the Europa 2 for the German travel blog Reisedepeschen. I happily escaped winter, travelled across the Indian Ocean, took many photos of the sea and the sun and the ship and wrote two articles about it. Finally, I also got my analogue photos developed (but unfortunately, the second roll of film got scratched…).

Hapag Lloyd Cruises lud mich zu dieser Kreuzschifffahrt auf der Europa 2 ein, um einen Artikel für den Reiseblog Reisedepeschen zu schreiben. Ziemlich froh darüber flüchtete ich vor dem Winter, reiste über den Indischen Ozean, machte viele Fotos vom Meer und der Sonne und dem Schiff und schrieb zwei Artikel darüber. Nun habe ich auch endlich meine analogen Fotos entwickeln lassen (nur leider wurde der zweite Film zerkratzt…)

nachmittagskaffee

I wrote about my first time on a cruise ship, about eating lopsters, ceviche and waffles, about playing shuffleboard, doing yoga, looking out onto the sea for three whole days and seeing nothing else than the calm Indian Ocean and once in a while a containership passing by – one morning, there were even dolphins.

Find more pictures and both stories (in German) here:

Das erste Mal Kreuzfahrt on Reisedepeschen
Entschleunigung von Colombo nach Singapur on the Hapag Lloyd Cruises’ E2-Mag

Ich schrieb über mein erstes Mal auf einem Kreuzfahrtschiff, über Hummer, Ceviche und leckere Waffeln, über Shuffleboard, Yoga, dreitägige Meerblicke, bei denen wir nichts weiteres als den ruhigen Indischen Ozean sahen und hin und wieder ein vorbeifahrendes Containerschiff – eines Morgens sprangen sogar Delfine vor unserer Veranda.

Beide Artikel und noch mehr Fotos findet ihr hier:

Das erste Mal Kreuzfahrt auf Reisedepeschen
Entschleunigung von Colombo nach Singapur auf dem Hapag Lloyd Cruises-eigenen E2-Mag

spiegelbild

*Ein liebes Dankeschön für die einzigartige Gelegenheit an Reisedepeschen, und größten Dank für die Einladung an Hapag-Lloyd Cruises.